Das Orakel

“I’ll be giving you the money you need, Alexander.”
Die Sekretärin der New School of Social Research in der 5th Avenue hatte mir die Telefonnummer von Vera List (1908-2002) gegeben. Nun versuchte ich in meinem unerprobten Schulenglisch, ihr mein Projekt “Philosophische Praxis” zu erklären. vera_list_full_8-500x351Wir sassen auf dem Sofa in ihrem Penthouse auf der Park Avenue. An den Wänden Bilder von Miró, Picasso, Dubuffet.
“Ich weiß”, sagte die greise Philanthropin, Tochter eines Buchhändlers aus Riga, “wer Erfolg haben wird. Ich spüre das.Und Du wirst Erfolg haben.”
Für einen jungen Berliner Philosophen mit zwei Kindern, der gerade lebenslanges Berufsverbot erhalten hatte, hörte sich das ermutigend an.
“Du musst mir jetzt nicht sagen, wie viel Geld Du brauchst. Fahr’ nach Hause und schreib es mir dann.”
Ich wagte es nicht, in Berlin von diesem Angebot zu erzählen. Vera und Albert List besassen ein derartiges Vermögen, dass ich durchaus einen siebenstelligen Betrag hätte erwarten können. Dies hätte allerdings einen nicht zu unterschätzenden Nachteil mit sich gebracht: Ich wäre auf einmal und dann dauerhaft aus dem täglichen Existenzkampf entronnen. Ein Lottogewinner. Ein Erbe.
Dieser aber war der Kern meiner “Philosophischen Praxis”, also dem Anspruch, Philosophie und Leben zusammenzubringen.
Ich schrieb ihr also “35.000” Dollar.
Eine Woche später fand ich ein kleines Couvert in meinem Briefkasten.
Darin ein Scheck über 35.000 Dollar.
Ich hatte den American Dream erlebt.
Hier der Nachruf auf Vera List in der New York Times.

 

 

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